ÿþ<html> <head> <meta http-equiv="content-type" content="text/html;charset=iso-8859-1"> <meta name="generator" content="Adobe GoLive 5"> <title>Artikel aus der Federwelt</title> <script language="JavaScript"> <!-- // preload images if (document.images) { img1on = new Image(); img1on.src = "./gfx/BR1.gif"; img2on = new Image(); img2on.src = "./gfx/BR2.gif"; img3on = new Image(); img3on.src = "./gfx/BR3.gif"; img4on = new Image(); img4on.src = "./gfx/BR4.gif"; img5on = new Image(); img5on.src = "./gfx/BR5.gif"; img6on = new Image(); img6on.src = "./gfx/BR6.gif"; img7on = new Image(); img7on.src = "./gfx/BR7.gif"; img8on = new Image(); img8on.src = "./gfx/BR8.gif"; img9on = new Image(); img9on.src = "./gfx/BR9.gif"; img1off = new Image(); img1off.src = "./gfx/B1.gif"; img2off = new Image(); img2off.src = "./gfx/B2.gif"; img3off = new Image(); img3off.src = "./gfx/B3.gif"; img4off = new Image(); img4off.src = "./gfx/B4.gif"; img5off = new Image(); img5off.src = "./gfx/B5.gif"; img6off = new Image(); 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Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Ich war f&uuml;nfundf&uuml;nfzig und die H&auml;lfte meines Lebens waren f&uuml;r die Recherchen draufgegangen. Recherchen, die mich in die Abgr&uuml;nde des Menschen gef&uuml;hrt haben. Ich und die <i>condition humaine</i>, wir sind mittlerweile per du: Seelenverwandte. Ich wei&szlig;, wovon ich schreibe, wenn ich von Liebe schreibe, von Hass und Eifersucht, von Gier und den sieben bekannten und den sieben neuen Tods&uuml;nden.<br> Ich hatte den Roman ausformuliert in meinem Kopf. Gewisserma&szlig;en. Am allerersten Satz feilte ich noch, kein Problem. Man muss sich das wie einen Berg vorstellen. Vom ersten Wort an geht es nur noch bergab. Da ist es wichtig, dass man das erste Wort nicht zu tief ansetzt. Man braucht diese kinetische Energie f&uuml;r den Rest des Wegs. Spontan fiel mir da das Wort »Ich« ein. F&uuml;r einen Roman, der in Ich-Form erz&auml;hlt, gibt es dazu keine Steigerung, kinetisch gesehen.<br> Triumph wellte durch mich wie ein Tsunami. Das Schwierigste war geschafft, ich hatte mein erstes Wort. Der Rest w&uuml;rde ein Spaziergang. Und daher machte ich erst einmal eine Pause und ging spazieren. Als ich nach einer halben Stunde an meinen Schreibtisch zur&uuml;ckkehrte und das Wort »Ich« oben auf der Seite las, quollen Tr&auml;nen der R&uuml;hrung in meine Augen. Ein Spaziergang? Nein, dieser Sieg musste richtig gefeiert werden. Ich rief ein paar Freunde an und wir verabredeten uns bei unserem Lieblingsitaliener. Die Wartezeit bis dahin verk&uuml;rzte ich mir mit einem Game auf Facebook. Ich konnte keinen gr&ouml;&szlig;eren Fehler begehen, als mich sofort wieder auf meinen Roman zu st&uuml;rzen und blind weiterzuschreiben. Ungest&uuml;m und Schreiben gehen nicht zusammen. Ich b&uuml;gelte ein paar Hemden, sah eine Weile aus dem Fenster und unterhielt mich mit Frau Prokrast, meiner Nachbarin. Und schon war es Zeit, mich f&uuml;r die Feier in Schirm, Charme und Melone zu schmei&szlig;en.<br> Ein gelungener Abend. Wir sprachen &uuml;ber mein »Ich« und den modernen Roman. Ich nahm es meinen Freunden, alles keine Autoren, nicht krumm, dass sie meinen Erfolg nicht ganz nachvollziehen konnten. Als Steuerberater, Pastor oder Fleisch-und-Wurstwaren-Gro&szlig;h&auml;ndler hat man wenig Zugang zu Kunst und noch weniger zu den Hirnen und Herzen der K&uuml;nstler. Andersherum betrachtet, was wusste ich schon von den Dramen, die sich tagt&auml;glich im Fleisch-und-Wurstwaren-Gro&szlig;handel abspielten?<br> Nur ein wenig verkatert kehrte ich am n&auml;chsten Tag zu meinem Schreibtisch zur&uuml;ck. Ich war gerade so richtig in Schwung und wollte das zweite Wort angehen, da fiel mein Blick auf den Kalender. Tu biShevat, das Neujahrsfest der B&auml;ume, ein j&uuml;discher Feiertag! Ich selbst bin kein Jude und auch sonst verbindet mich eher wenig mit dieser Kultur, aber angesichts der Gr&auml;uel, die meine Gro&szlig;eltern und Urgro&szlig;eltern diesem Volk angetan haben, war es das Mindeste, ein wenig Respekt f&uuml;r die gesch&auml;ndeten Br&auml;uche zu zeigen. Ich schaltete den PC aus und ging in den Wald, wo ich mir respektvoll einige B&auml;ume ansah und eine Mango verzehrte. Wie Sie wissen, ist es an Tu biShevat Brauch, eine Frucht zu essen, die man in diesem Jahr noch nicht gegessen hat. Diese cleveren Rabbis! Nicht von ungef&auml;hr hatten sie das Fest auf die ersten Wochen des Jahres gelegt, da verf&uuml;gt man fr&uuml;chtem&auml;&szlig;ig &uuml;ber eine gr&ouml;&szlig;ere Auswahl.<br> Ansonsten verlief der Tag ereignislos, nur dann und wann konnte ich es nicht verhindern, dass ich mir, allem Respekt zum Trotz, den ein oder anderen Gedanken &uuml;ber das zweite Wort machte. Ich bin auch nur ein Mensch.<br> Am n&auml;chsten Tag fuhr mein Computer nicht hoch. Ich beschloss, mir statt einer Reparatur lieber gleich einen neuen zu g&ouml;nnen. Diese Dinger veralten doch schon, bevor sie den Laden verlassen. Aus diesem Grund wollte ein Neukauf sorgf&auml;ltig geplant sein. Der Roman des Jahrhunderts sollte nicht auf der Technik des vorigen entstehen. Die n&auml;chsten Tage befasste ich mich mit der Suche nach Informationen &uuml;ber PCs und Netbooks. Vor allem brauchte ich ein verl&auml;ssliches Ger&auml;t, ich wollte nicht nach tausend Seiten einen Systemabsturz erleben m&uuml;ssen, der die Arbeit eines halben Lebens zunichtemachte.<br> Eine Woche sp&auml;ter war es so weit: Mein neuer PC war einsatzbereit. Leider zwang mich ein grippaler Infekt weg vom Schreibtisch und ins Bett. Schreiben ist eine zu ernste und zu anspruchsvolle T&auml;tigkeit, als dass man sie mit eingeschr&auml;nkten Ressourcen auch nur zufriedenstellend durchf&uuml;hren k&ouml;nnte.<br> Ich genas und eine Woche sp&auml;ter war ich wieder fit. Leider hatte ich meinen Eltern schon vor einer Weile einen Besuch versprochen. Die beiden sind nicht mehr die J&uuml;ngsten und ihrem Wunsch konnte ich mich nicht entziehen.<br> Ich blieb nicht unt&auml;tig, wir Schriftsteller arbeiten ja unentwegt. W&auml;hrend der Fahrt gr&uuml;belte ich am meinem ersten Satz. »Ich ...« Das Naheliegendste w&auml;re nat&uuml;rlich: »Ich bin ...« oder »Ich war ...«. &Uuml;ber die Zeitform aber hatte ich mir, es erstaunte mich selbst, noch keine Gedanken gemacht. Bevor ich mich nicht auf eine festgelegt hatte, machte es keinen Sinn, einen Satz zu schreiben.<br> Als ich bei meinen Eltern ankam, hatte ich mich f&uuml;r die Vergangenheit festgelegt. Ich musste klassisch anfangen, um mittels Kontrast meine avantgardistischen Ideen auf krasseste Weise zu konterkarieren. Auf der Heimfahrt die Woche danach entschied ich mich an einem Stoppschild spontan f&uuml;r das Pr&auml;sens. Einen Wechsel ins Pr&auml;teritum so um das elfte Kapitel herum hielt ich mir offen.<br> Zu Hause erwartete mich eine unerfreuliche &Uuml;berraschung. Man hatte eingebrochen und mir den neuen Computer gestohlen. Weinend brach ich vor meinem Sofa und dem leeren Schreibtisch zusammen. Dem Gott der Dichter sei Dank f&uuml;hrte ich eine Sicherungskopie meines ersten Wortes auf einem USB-Stick stets bei mir. Dennoch, der Verlust der Hardware warf mich ausgerechnet dann um Wochen zur&uuml;ck, als ich den Ideenquell in mir neu aufsprudeln f&uuml;hlte.<br> Meine Nachbarn fanden mich Tage sp&auml;ter, verdreckt und dehydriert und vor mich hin lallend. Allein meiner Z&auml;higkeit und absoluten Willenskraft habe ich es zu verdanken, dass ich schon nach drei Monaten als geheilt aus der Psychiatrie entlassen werden konnte. Zu Hause angekommen, musste ich mich durch reichlich Post k&auml;mpfen. Neben den &uuml;blichen Verlagsabsagen (Und wenn schon! Was scheren mich Absagen f&uuml;r minderwertige Fr&uuml;hwerke, denen ich keine Tr&auml;ne hinterherweine!) erregte ein wattierter Umschlag meine Aufmerksamkeit. Darin fand ich eine DVD. Ich wollte sie sogleich in meinen Computer schieben, aber der war ja gestohlen. Nach einem vor&uuml;bergehenden Zusammenbruch klingelte ich am n&auml;chsten Tag bei Frau Prokrast und sa&szlig; eine halbe Stunde sp&auml;ter ein wenig verschwitzt und ausgelaugt und um eine Erfahrung reicher wieder daheim auf meinem Sofa, den nachbarschaftlichen Laptop auf dem Scho&szlig;.<br> Die DVD enthielt zwei Dateien. Ich las zuerst die namens <i>»lies_mich_zuerst.txt«</i>. »Sie hatten sich da einen 1A-Computer gekauft, Respekt. Falls es Sie beruhigt: Er ist in guten H&auml;nden. Ihrem Klingelschild habe ich entnommen, dass Sie Schriftsteller sind, und so erlaube ich mir, Ihnen ein kleines Dokument zu schicken mit der Bitte um Pr&uuml;fung. Taugt meine Geschichte etwas? Ich habe sie in sechs Wochen in die Tasten gehauen. Hat etwas gedauert, weil ich ja hauptberuflich in Wohnungen einbreche und mich au&szlig;erdem noch um meine Familie und meine zeitraubenden Hobbys und meine kranken Eltern k&uuml;mmern muss. Seien Sie ehrlich. Sollte Ihnen die Story wenigstens ein bisschen gefallen, erwarte ich Sie n&auml;chste Woche Montag im Café Ottfried, 16 Uhr. Ich freue mich auf Ihre konstruktive Kritik. Ich spreche Sie an, ich kenne Sie ja von Ihrem Bildschirmschoner.«<br> Danach las ich das zweite Dokument.<br> Es war gut. Nein. Es war ersch&uuml;tternd gut.<br> Es war der Roman, den ich immer hatte schreiben wollen.<br> Ein Tausendseiter, verfasst in nicht mehr als sechs Wochen.<br> Der erste Satz ging so:<br> »Ich werde diese unglaubliche Geschichte gleich mit dem zweiten Satz beginnen, kann ich es doch nicht erwarten, sie Ihnen zu erz&auml;hlen.«<br> <br> <br> <b>Stephan Waldscheidt, <a href="http://schriftzeit.de" target=_blank>http://schriftzeit.de</a></b> <br> <br> Mehr von Stephan Waldscheidt in:<br>  Schreib den verd... Roman!<br> Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen.<br> Ein Anti-Ratgeber. <br> Uschtrin Verlag, <a href="http://www.uschtrin.de/waldscheidt.html" target=_blank>http://www.uschtrin.de/waldscheidt.html</a><br> <br> (...) <tr><td bgcolor="ededed" width="610"><font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"> <img src="gfx/icon.gif" width="20" height="10"> Glossen von Stephan Waldscheidt finden Sie in der Federwelt. <a href="zeitschrift.html"><b>Jetzt abonnieren !</b></a> <tr><td bgcolor="ededed" width="610"><font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"> <img src="gfx/icon.gif" width="20" height="10"> Weitere Artikel<br> <table border=0 cellpadding=0 cellspacing=0><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel1.html"><b>Wolfgang Ehrhardt Heinold: Der gl&auml;serne Autor</b></a> </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel2.html"><b>Jaqueline Lochm&uuml;ller: Schreiben f&uuml;r Erlebnismagazine</b></a> </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel3.html"><b>Volkhard Brandes: Lyrik verlegen</b></a> </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel4.html"><b>Textk&uuml;che mit Gasch & Co</b></a> </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel5.html"><b>Normvertrag mit Kommentar</b></a> </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel6.html"><b>Ernst Pipers sechs provokante Thesen</b></a> <!-- </td></tr><tr><td width=25>&#160;</td><td> <font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"><a href="artikel9.html"><b>Laura Rose: Personalisierte Romane</b></a> --> </td></tr> </table> <tr> <td bgcolor="ededed" width="610"><font face="verdana" size="1" color="#336699" align="top"> <div align="right"><a href="inhalt.html">>> zurück zur Startseite</a><img src="gfx/clearpixel.gif" width="10" height="10"><img src="gfx/icon.gif" width="20" height="10"> <br> </td></tr> </div> </table> </p> </body> </html>